Hörstörungen
Vier Formen von Hörstörungen
Hörstörungen (Synonyme: Disacusis; Dysakusis; Hypakusis; Hypoakusis; Hörstörungen; Surditas; Taubheit, Hörverlust) sind eine häufige Einschränkung im Alter, können aber auch schon in jungen Jahren auftreten.
Man unterscheidet vier Formen von Hörstörungen:
- Hypakusis – Schwerhörigkeit (das Spektrum reicht von kaum empfundenen Hörstörungen bis hin zur Gehörlosigkeit)
- Hyperakusis – gesteigertes Hörvermögen im Sinne einer krankhaften Feinhörigkeit
- Veränderte Hörwahrnehmung – z. B. Diplakusis (Doppelhören), Parakusis (falsche akustische Wahrnehmung), z. B. gestörtes Richtungshören
- Akustische Halluzinationen – z. B. bei Delir, Psychose oder als akustische Aura bei Epilepsie
Unsere Umwelt ist ein komplexes Netzwerk aus Reizen, die alle menschlichen Sinne ansprechen.
Sehen, Fühlen, Hören – unsere Sinne stellen eine Verbindung zur Umwelt her und nehmen viele Reize auf. Damit aber aus dem reinen „Hören“ ein „Verstehen“, aus dem „Sehen“ ein „Erkennen“ und aus dem „Fühlen“ ein „Begreifen“ wird, benötigen wir unser Gehirn, welches diese Reize weiterverarbeitet. Doch nicht immer funktioniert dieses System reibungslos.
Einige Menschen hören zwar, was um sie herum geschieht, ihr Gehirn ist jedoch nicht in der Lage, die zahlreichen Reize und Informationen korrekt zu verarbeiten, denn die Hörverarbeitung in unserem Gehirn ist eine der kompliziertesten Leistungen, die wir tagtäglich vollbringen.
Die typische Verschlechterung des Hörvermögens im Alter wird umgangssprachlich auch als Altersschwerhörigkeit (Presbyakusis) bezeichnet. Daneben gibt es aber auch andere Arten wie zum Beispiel: kindliche Hörstörungen, AVWS oder psychogene Hörstörungen, etc.
Vornehmlich betrifft die Hörminderung im Alter die hohen Frequenzen, bereits 30 - Jährige zeigen im Hochtonbereich eine statistisch signifikante Einschränkung.
Es können aber auch tiefe und mittlere Frequenzen betroffen sein, also den für Sprache relevanten Bereich. Das konnte in einer großen evaluierten Studie gezeigt werden, in welcher mehrere Altersgruppen verglichen wurden [1].
Die Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) für behandlungsbedürftige Hörstörungen liegt bei 19 %. Ab dem 65. Lebensjahr leiden 50 % unter Hörstörungen.
Die Inzidenz (Häufigkeit von Neuerkrankungen) für eine angeborene bilaterale (beidseitige) Schwerhörigkeit beträgt ca. 1,2 Erkrankungen pro 100.000 Neugeborene pro Jahr (in Deutschland).
Verlauf und Prognose:
A) kindliche Hörstörungen:
In einen Phasen der menschlichen Entwicklung ist die Intelligenzentwicklung ans Hören gekoppelt. Das bedeutet, daß eine verzögerte, mangelhafte oder ganz ausbleibende Entwicklung des Hörvermögens ernstzunehmende Folgen für die Intelligenzentwicklung des Kindes und dessen weiteren Lebensweg haben kann.
Um eine optimale Entwicklung unserer kleinen Patienten zu sichern und den betroffenen Kindern schnelle Hilfe und Behandlung zukommen zu können, ist es notwendig, ein HNO- fachärztliches Neugeborenen - Screening (U-Untersuchungen) durchzuführen.
Die angeborene ( kindliche) bilaterale Schwerhörigkeit ist in 30 % der Fälle zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr progredient (fortschreitend), sodass auch eine geringgradige Schwerhörigkeit im Abstand von drei bis sechs Monaten wiederkehrend kontrollbedürftig ist! Je nach Grad der Ausprägung können Hörstörungen die Lebensqualität der Betroffenen stark vermindern.
Daneben können Kinder leicht bis mittelgradige Hörminderungen durch Ohrerkrankungen, virale und bakterielle Erkrankungen, erhöhte Ohrenschmalzproduktion etc. erleiden.
B) Hörstörungen bei Erwachsenen
Die Ursachen bei Erwachsenen sind ebenso vielfältig und reichen von verstopften Ohren, Entzündungen, etc. oder versenkten Fremdkörpern bis zu hochgradigen Schwerhörigkeiten aufgrund nervaler Störungen oder Tumoren. Eine eingehende, HNO-fachärztliche Untersuchung und Beurteilung ist deshalb unumgänglich.
Therapie
Die Therapie von Hörstörungen erfolgt ursachenbezogen und reicht von Substitutionstherapien über Hörtherapie bis zum Hörgerät oder CI (Cochlear Implant).
Gerade hier ist eine HNO-fachärztliche Beratung über Vor- und Nachteile der möglichen Therapieansätze von entscheidender Wichtigkeit.
Besonders bei der Hörgeräteanpassung sorgt eine kompetente und umfassende Aufklärung für das Gelingen der Anpassung und ein erfolgreiches Wiedergewinnen von Lebensqualität und gesellschaftlicher Teilhabe.
Literatur:
Hesse G., Altershörigkeit – Audiometrische Befunde zur Differenzierung peripherer und zentraler Anteile der Hörfähigkeit im Alter. 2003 Habilitationsschrift der Universität Witten/Herdecke
Früherkennung ist entscheidend
Ein gutes Hörvermögen ist ein wesentlicher Bestandteil von Lebensqualität und sozialer Teilhabe. Moderne Medizin hat unsere Lebenserwartung deutlich erhöht – umso wichtiger ist es, geistige Gesundheit und Selbstständigkeit auch im Alter zu erhalten. Einschränkungen des Hörens können dabei eine größere Rolle spielen, als vielen bewusst ist.
Studien zeigen, dass unbehandelte Schwerhörigkeit mit sozialer Isolation, Depressionen, kognitivem Leistungsverlust und einem erhöhten Demenzrisiko einhergehen kann. Dennoch tragen in Deutschland nur rund 16 % der Menschen mit relevanter Schwerhörigkeit ein Hörgerät.
Früherkennung ist entscheidend
Ein einfaches und effektives Instrument zur Früherkennung ist der Mini‑Audio‑Test (MAT) nach Jan Löhler et al. (2015). Der Test ist schnell durchführbar, beispielsweise im Rahmen eines Arztbesuchs, und zeigt an, ob eine weiterführende HNO‑fachärztliche Abklärung sinnvoll ist.
Ein erstes Hörscreening wird insbesondere zwischen dem 50. und 59. Lebensjahr empfohlen. Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht rechtzeitige Behandlung und kann helfen, Folgeerkrankungen zu verhindern oder zu verzögern. Zudem können im Rahmen der Abklärung auch andere, Ursachen von Hörstörungen demaskiert werden, die gegebenenfalls einer operativen Behandlung bedürfen (z. B. Cholesteatome oder Vestibularisschwannome), welche unbehandelt lebensbedrohliche Komplikationen nach sich ziehen können, ohne zuvor weitere Symptome zu zeigen.
Früherkennung Schwerhörigkeit – einfach, schnell und effektiv – der Mini‑Audio‑Test (MAT)
Seit dem letzten Jahrzehnt erfreuen wir uns der überwältigenden Erfolge der modernen Intensivmedizin und ungeahnter pharmakologischer Innovationen, die breiten Bevölkerungsschichten eine höhere Lebenserwartung bei akzeptabler Lebensqualität beschert haben.
Zur Lebensqualität gehört gutes Hörverständnis, welches eine soziale Teilhabe ermöglicht.
„Nicht sehen zu können, trennt den Menschen von den Dingen. Nicht hören zu können, trennt den Menschen von den anderen Menschen“, soll Immanuel Kant festgestellt haben.
Auf der anderen Seite steigt die Zahl jüngerer Patienten, die einen zunehmenden Hörverlust zu beklagen haben, sei es aufgrund früherer „Jugendsünden“ im Hardrock‑Café oder durch permanente, laut übersteuerte Kopfhörer‑/Ear‑Bud‑Beschallung.
Hörgerät spart Folgekosten
Schätzungsweise 15 bis 20 Millionen Menschen leiden in Deutschland an einer relevanten Schwerhörigkeit, von denen aber nur ca. 16 % Hörgeräte tragen. Diese Unterversorgung „bezahlen“ unsere Patienten mit sozialer Isolation, Depressionen, demenzieller Entwicklung, kognitivem Leistungsverlust, Stürzen infolge von innenohrassoziierten Koordinationsstörungen sowie nachfolgenden langen stationären Krankenhausaufenthalten und deren Folgekosten.
Nicht‑Behandlung wird teurer für alle
Auch die Gesellschaft als Ganzes bezahlt die Folgen der Unterversorgung mit höheren Krankenversicherungsbeiträgen, beklemmenden Engpässen in der Finanzierung der Gesundheitsversorgung, einer zunehmend unsicheren Versorgungslage und sozialem Unfrieden.
Wir leben in einer Zeit, in der Ressourcen wohlüberlegt und ebenso kostensparend eingesetzt werden sollten. Deshalb empfiehlt es sich, bei der Bilanzierung von Kosten und Nutzen medizinischer Maßnahmen auch die sozioökonomischen Kosten des Nicht‑Behandelns sowie dessen große soziale Bedeutung und Wirkung zu berücksichtigen. Einsamkeit, soziale Isolation und Demenz verursachen erfahrungsgemäß viele unnötige Arztbesuche.
Screening einfach im Wartezimmer
In Anbetracht dieser Aspekte gewinnt ein zielstrebiges und flächendeckendes Hörscreening ab dem 50. Lebensjahr enorm an Bedeutung. Eine solche Früherkennung stellt der Mini‑Audio‑Test nach Jan Löhler et al. (2015, MAT) dar, der einfach in der Anwendung ist.
Er zeigt eine abklärungsbedürftige Schwerhörigkeit auf und weist den Weg zur HNO‑fachärztlichen Überprüfung des Hörvermögens.
Optimalerweise sollte der MAT zwischen dem 50. und 59. Lebensjahr zum ersten Mal erfolgen. Dafür sprechen vier Gründe:
- Durch Früherkennung und frühe Behandlung können Folgeerkrankungen verhindert oder gemindert werden.
- Das Bewusstsein der Bevölkerung kann im Hinblick auf vermeidbare Erkrankungen und Beschwerden, die schwerhörigkeitsbedingt auftreten, geschärft werden.
- Schwerhörigkeit und ihre Folgeerkrankungen sollten nicht als banale Begleiterscheinungen des höheren Lebensalters – wie beispielsweise grauer Haarwuchs – verharmlost, sondern mit erheblichen Risiken (kognitiver Leistungsverlust, Stürze, Depressionen, Demenz) in Verbindung gebracht werden, die zumindest teilweise durch eine Hörgeräteversorgung oder operative Therapie positiv beeinflusst werden können.
- MAT als Screening‑Tool kann im Zuge der weiteren Abklärung andere Ursachen der Schwerhörigkeit demaskieren, die gegebenenfalls einer operativen Behandlung bedürfen (z. B. Cholesteatome oder Vestibularisschwannome), welche unbehandelt lebensbedrohliche Komplikationen nach sich ziehen können, ohne zuvor weitere Symptome zu zeigen.
Hörscreening ab 50 – jetzt aktiv werden
Der MAT wird anhand eines Punktesystems ausgewertet. Ab einem Schwellenwert von
- 2 x “stimmt” bei unter 60‑Jährigen bzw.
- 3 x “stimmt” bei über 60‑Jährigen
wird eine fachärztliche Überprüfung des Hörvermögens empfohlen.
Gute Nachrichten: In unserer Praxis können wir in der Regel zeitnahe Termine zur Hördiagnostik anbieten.
👉 Termin vereinbaren und Hörtest durchführen lassen:
https://www.hno-praxis-kiel.de
Ihre
Marina Gosemann
Quelle:
Löhler, J.; Lehmann, M.; Segler, V.; Volkenstein, S.; Battmer, R.-D.; Ernst, A.; Gräbner, F.; Schlattmann, P.; Schönweiler, R.; Wollenberg, B.; Dazert, S.: Der Mini‑Audio‑Test (MAT) – Eine Screeningmethode auf Schwerhörigkeit für Haus‑ und Fachärzte. Laryngo‑Rhino‑Otologie, DOI: 10.1055/a‑0805‑5741